Prof. Dr. Dr. h.c. Jan I. Lelley![]() |
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Pilzpulver versus Pilzextrakt Wie sollte man sich entscheiden?
Ein Pilzpulver wird aus getrockneten Pilzen durch Vermahlung hergestellt und enthält alle Inhaltsstoffe des jeweiligen Pilzes.
Extrakte sind Zubereitungen von flüssiger, halbfester oder fester Beschaffenheit, die üblicherweise aus getrockneten pflanzlichen Drogen oder tierischen Materialien hergestellt werden. Als Extraktionsmittel kommen Wasser, Alkohol, Öl und andere Lösungsmittel zum Einsatz. Die Nutzung von Extrakten hat eine lange Tradition. Sowohl die chinesische Volksmedizin als auch die traditionelle europäische und vorderasiatische Medizin kennt zahlreiche Beispiele für die Verwendung von Extrakten.
Ein Pilzextrakt wird aus dem Pilzpulver hergestellt. Als Extraktionsmittel kommt Heißwasser (90-95 °C) zum Einsatz. Der Pilzextrakt ist keine isolierte Einzelsubstanz, sondern ein Gemisch, das alle wasserlöslichen Bestandteile des Pilzpulvers enthält. Nicht enthalten sind im Pilzextrakt vor allem die wasserunlöslichen, schwer- oder unverdaulichen Ballaststoffe des Pilzes.
Seit einiger Zeit schwillt eine Diskussion in Deutschland darüber, ob man Vitalpilze für Prävention oder Therapie als ganzen Pilz, getrocknet und gemahlen, sprich Pilzpulver oder als Extrakt einsetzen sollte. Dabei führen die Befürworter vom Pilzpulver teilweise Argumente an, die einer Überprüfung nicht standhalten und geeignet sind, die Verbraucher und selbst die mykologisch nicht versierten Beschäftigten der Heilberufe irrezuführen.
Zweck dieses Aufsatzes ist es, diese Diskussion zu versachlichen, irreführende Behauptungen zurecht zu rücken und auf der Grundlage aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse die Frage zu beantworten, ob man in der Mykotherapie Pilzpulver oder Pilzextrakt verwenden sollte.
Vertreter der „Pilzpulver Theorie“ unterstellen, dass die Wissenschaft noch nicht einmal 50 sekundäre Inhaltstoffe der Pilze kennt. Man sei erst am Anfang ihrer Erforschung und deshalb könne man gar nicht in der Lage sein, Pilzextrakte gezielt einzusetzen.
Zutreffend ist, dass Pilze noch viele Geheimnisse in sich bergen. Doch allein von Triterpenen, hochaktive Kohlenstoffverbindungen von ganz unterschiedlicher Struktur, hat man im Glänzenden Lackporling (Ganoderma lucidum) bereits rd. 150 verschiedene isoliert und man weiß auch inzwischen ziemlich genau, welche dieser Substanzen für bestimmte Wirkungen des Pilzes verantwortlich ist. Das gleiche gilt auch für die Polysaccharide, die „Vielfachzucker“, die für eine antitumorale Wirkung vieler Pilze verantwortlich sind. Auch hier weiß man inzwischen ziemlich genau, wie ein Polysaccharid strukturiert werden muss, um eine antitumorale Wirkung zu zeigen. So gelang zum Beispiel beim Brasil Egerling (Agaricus brasiliensis, blazei) der Nachweis von 17 verschiedenen Polysacchariden, von denen 7 eine antitumorale Wirkung haben. Im Austernpilz (Pleurotus pulmonarius) finden sich 16, in einem Verwandten von ihm (P. citrinopileatus) 22 antikarzinogen wirksame Polysaccharide. Eine japanische Forschergruppe meldete bereits 1973 ein Patent darauf an, dass sie in insgesamt 772 Pilzarten antitumoral wirkende Polysaccharide nachweisen konnten. Aber damit ist die Reihe der wohlbekannten sekundären Pilzinhaltsstoffe noch lange nicht zu Ende.
Extrakten fehle die „Modulierungsfähigkeit“, meinen Befürworter vom Pilzpulver. Sie seien durch „Einstoffigkeit“ gekennzeichnet, wodurch angeblich die „Adaptogenität verloren geht“. Ferner sollen den Extrakten wichtige Vitamine und Enzyme fehlen, demzufolge der „ausgleichende Effekt“ und die „selbst regulierende Fähigkeit“ der Pilze verschenkt würde. Die Vertreter dieser Auffassung kommen dabei zu dem Schluss, dass nur ganze Pilze in der Prävention und Therapie helfen können und begründen dies mit dem Argument einer Ganzheitstherapie.
Dies alles zu behaupten und dazu noch zu vermuten, die Wissenschaft wüsste nicht einmal, wie man am besten Pilzextrakte herstellt, deutet auf eine große Wissenslücke hin. Pilzextrakte werden so hergestellt, dass sie alle wesentlichen Hauptnährstoffe, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente des Ausgangsmaterials enthalten. Dies beweisen viele chemische Analysen, bei denen die Zusammensetzung eines Pilzpulvers mit der aus diesem hergestellten Extrakt verglichen wurde. Viele Einzelsubstanzen aus den oben genannten Stoffgruppen wie Kalium, Magnesium, Phosphor, Vitamine des B-Komplexes und insbesondere die Polysacharide und weitere hochwirksame sekundäre Inhaltsstoffe, sind in Extrakten in höherer Konzentration enthalten als im Ausgangsmaterial. Die Verfügbarkeit einiger Mineralien und Spurenelemente für den menschlichen Organismus verbessert sich sogar durch die Extraktion.
Auch für das Argument, dass Extrakte keine adaptogene, d.h. ausgleichende Wirkung hätten und Ungleichgewichte sogar vergrößern sollen, gibt es keinen Beleg. Um in dieser entscheidenden Frage Gewissheit zu erlangen, wurden mehrere namhafte Wissenschaftler im In- und Ausland konsultiert und nach ihrer Auffassung zu dem Meinungsunterschied hinsichtlich der Verwendung von Extrakten oder Pilzpulvern befragt. Sie haben übereinstimmend bestätigt, dass die vielfältigen Heilkräfte (antitumorale, cholesterinsenkende, antiallergische und viele andere) primär von den Polysacchariden, Triterpenen und anderen sekundären Inhaltsstoffen der Pilze herrühren, die in den Extrakten in mehrfach höherer Konzentration vorliegen als in getrockneten, pulverisierten Fruchtkörpern. Auch Literaturstudien, die im Zuge der Erarbeitung dieses Aufsatzes durchgeführt wurden, haben das bestätigt. In fast allen relevanten Forschungsansätzen mit Pilzen waren Extrakte im Spiel. Die gefundenen Effekte und Wirkungen hat man in den meisten Fällen mit Extrakten erzielt. Es trifft auch nicht zu, dass Autoimmunerkrankungen durch Extrakte verschlechtert würden. Wie sonst könnte man sich die durchweg positiven Reaktionen auf Pilzextrakte bei Allergien, Rheuma, ja sogar Multiple Sklerose erklären? Für eine Bestätigung der ganzheitlichen Betrachtungsweise der Verfechter von Pilzpulvern wurden dagegen keine Hinweise gefunden.
Des Weiteren behaupten die Befürworter vom Pilzpulver, dass die Pilzextrakte fast immer aus einem Myzel-Getreidegemisch hergestellt werden und deshalb nur etwa 30 % Pilzanteil enthalten. Der Rest soll Getreidemehl sein. Die Polysaccharide der Extrakte rührten daher überwiegend vom Getreide her. Sie sind kurzkettig und unwirksam. Auch diese Behauptung ist in hohem Maße irreführend. Ein auf Getreide kultiviertes Pilzmyzel wird niemals extrahiert!
Es gibt Beispiele für die Kultivierung von Vitalpilzen an sterilen Getreidekörnern als Nährgrundlage. Da man jedoch das Pilzmyzel vom Getreide später nicht mehr trennen kann, wird das Produkt komplett getrocknet, gemahlen und so vermarktet. Wählt man eine entsprechend hohe Dosierung eines solchen Myzel-Korn-Gemisches, wird der gleiche Effekt erreicht, als mit einem gewöhnlichen Pilzpulver aus den Fruchtkörpern.
Nur der Extrakt des Chinesischen Raupenpilzes (Cordyceps sinensis) wird aus Pilzmyzel erzeugt, jedoch aus reinem Myzel. Dieser Pilz wird in Bioreaktoren, in einer Nährlösung, unter sterilen Bedingungen kultiviert. Am Ende der Kultur wird die Nährlösung abgelassen. Die gebildete Myzelbiomasse wird anschließend getrocknet und extrahiert. Kulturmethoden für diesen wertvollen Vitalpilz, um seinen Fruchtkörper zu erzeugen, sind bisher fehlgeschlagen.
Die übrigen Extrakte werden ausnahmslos aus getrockneten, zerkleinerten Pilzfruchtkörpern hergestellt.
Die Verfechter von Pilzpulver in der Mykotherapie fordern höchste Qualität der Produkte ein und warnen vor Pflanzenschutzmitteln in chinesischen Pilzen, die als Katalysator für die Aufnahme von 3 Umweltgiften wirken sollen. Die Warnung könnte zutreffen, würde man Vitalpilze im Freiland kultivieren. Aber ganz im Gegenteil. Vitalpilze werden, ob in China, Japan, USA oder Deutschland in speziellen Räumen kultiviert. Sie wachsen für die meiste Zeit unter sterilen Bedingungen. Von einer Belastung mit „Umweltgiften aus Boden und Luft“ kann daher keine Rede sein. Im Übrigen, es gibt inzwischen auch in China Pilzerzeuger, die nach EU-Norm biozertifiziert sind, deren Produkte Bioqualität haben und besser sind als jene von manchen deutschen Anbietern.
Schließlich nennen die Verfechter von Pilzpulver das Kapselgewicht der Produkte als wichtiges Indiz für eine mindere Qualität. Hohes Kapselgewicht soll auf ein minderwertiges Produkt, nämlich auf Pilzpulver aus Myzel, hinweisen. Immerhin wird dieses Argument nicht auf Extrakte gemünzt. Oder werden etwa Pulver und Extrakt in diesem Zusammenhang in einen Topf geworfen?
Fakt ist, ob Pulver oder Extrakt, dass es sich um Naturprodukte handelt, die natürlichen Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen können das Kapselgewicht beeinflussen. Eine weitere Möglichkeit rührt von der Maschinenausstattung des Herstellers der Kapseln her. Man kann mit modernen Kapselfüllmaschinen den Inhalt von Kapseln stärker verpressen und so mehr Extrakt oder Pulver einfüllen. Mit älteren Einrichtungen und beim füllen der Kapseln von Hand, ist das erreichbare Füllgewicht meistens kleiner. Dann kommt noch hinzu, aus welchem Material die Kapseln bestehen. Kapseln aus Gelatine sind per se schwerer als Cellulosekapseln. Schließlich ist die Größe der Kapseln entscheidend. Für Vitalpilze werden Kapseln der Größe 1, 0 und eventuell 00 verwendet. Die Größe 1 kann, dichteabhängig mit 300 bis 550 mg Pulver oder Extrakt gefüllt werden. Die Größe 0 mit 400 bis 800 mg und die Größe 00 bis zu 1.200 mg.
Aus den Argumenten Pilzpulver versus Pilzextrakt können folgende Schlüsse gezogen werden:
Eindeutiger Vorteil der Extrakte ist, dass sie in der Regel bis zu 30 % Polysaccharide enthalten. Polysaccharide sind nachweislich am stärksten immunmodulierend und wirken antikarzinogen. Es steht völlig außer Zweifel, dass Polysacharide einen ganz entscheidenden Teil der heilenden Wirkung der Vitalpilze ausmachen.
Natürlich sind auch im ganzen Pilz und so auch im Pilzpulver die Polysaccharide, Terpene, Lektine, Oxidationshemmer und sonstige relevante Inhaltsstoffe enthalten, aber in einer viel niedrigeren Konzentration, als im Extrakt. Deshalb ist es auch so, dass z.B. die traditionelle chinesische Medizin, wenn sie ganze Pilze empfiehlt, je nach Indikation, für längere Zeit den täglichen Verzehr von 4 bis 12 g Trockenpilzen vorgibt. In Kapseln umgerechnet würde es bedeuten, täglich bis zu 25 Kapseln zu schlucken. Alternativ müsste man die tägliche Pulverdosis in Joghurt oder einen Gemüsesaft eingerührt verzehren. Es ist für viele, insbesondere Berufstätige, eine schwer nachvollziehbare Empfehlung, deren Einhaltung übrigens auch noch teuerer zu stehen kommt, als der Verzehr äquivalenter Mengen eines Pilzextraktes.
Doch sind Extrakte dem Pulver nicht immer vorzuziehen. Auch Pilzpulver haben sich in der Mykotherapie bewährt und haben ihre Einsatzberechtigung. Es kommt doch ganz darauf an, was man erreichen möchte. Will man eine entgiftende oder entschlackende Wirkung durch Mykotherapie erreichen, sollte man einem Pulver den Vorzug geben. Steht aber eine Stärkung des Immunsystems im Mittelpunkt der Therapie, dann gelten Extrakte unangefochten als absolut erste Wahl. Sie zu verunglimpfen ist inakzeptabel und auch unverantwortlich gegenüber den Menschen, die von der Mykotherapie eine Besserung ihrer Leiden erhoffen.
Erwiderung
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